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Schabo - eine Schweizer Kolonie in Bessarabien

(Teil 1 von 4)

schabo (auch Chabo, Chabag, Schaba, Šabo, Шабо) liegt am Westufer des Dnister-Limans1, ca. 7 km südlich von Akkerman (heute Bilhorod-Dnistrowskyj), 53 km südöstlich von Odessa und 12 km von der Schwarzmeerküste entfernt.

 

Kurgan
Kurgan

Die ersten Siedlungen gab es bei Schabo schon in der Antike. Davon bezeugen die Kurgane2 am nördlichen Rand des Dorfes.

Auch die Überreste einer antiken griechischen Siedlung aus dem 4.-3. Jahrhundert. v. Cnr. wurden gefunden.

Im 15./16. Jahrhundert entstand an dieser Stelle ein tatarisches Dorf, zu einer Zeit also als das spätere Bessarabien zum Osmanischen Reich gehörte. Die Bevölkerung beschäftigte sich mit dem Weinbau.

Festung Akkerman
Festung Akkerman

Die erste schriftliche Quelle, in der das Dorf Acha-abag (die unteren Weingärten; untere, weil das Dorf sich unterhalb von Akkerman3, den oberen Weingärten befindet) genannt wurde, war eine geographische Karte aus dem Jahr. Der Name wurde später auf Shabag und vereinfacht schließlich wurde es zu Shaba/Shabo.

Alexander I.
Alexander I.

Nach der Eroberung Bessarabiens im Jahr 1812 durch das Russische Reich, litt die Region unter der Bevölkerungsabwanderung ins Osmanische Reich. In Shabo z. B. verblieben von 28 Familien nur noch drei oder vier.

Wer sollte nun die Weingärten bestellen? Zar Alexander I. beschloss die Region wieder zu bevölkern und die alten Weinreben mit neuen zu ersetzen.

1817 zogen Dutzende von Familien aus den umliegenden Dörfern nach Schabo.

Um 1820 lebten dort 275 Menschen (172 Ukrainer und 103 Moldauer). Doch durch die fehlende Erfahrung im Weinbau blieb der erhoffte Erfolg aus.

Frédéric-César de La Harpe
Frédéric-César de La Harpe

Der aus der französischen Schweiz stammenden Frédéric-César de La Harpe, Alexanders ehemaliger Lehrer und Erzieher, der die durch Napoleons Kriegen verursachte Misere in seiner Heimat kannte, schlug vor, Schweizer Kolonisten aus seiner Heimat, dem französisch sprechenden Waadtland, als Musterwirte ins Land zu rufen, um dort, in Russland Helvétianopolis zu gründen und als Weinbauern (d.h. sie waren keine Winzer, denn außer Weinbauern sollten sie auch als Ackerbauern und Viehzüchter tätig sein) die von den Tataren verlassenen Weinberge in Shabo bestellen.

Vevey am Genfer See, Heimat der Schweizer Auswanderer, 1640
Vevey am Genfer See, 1640

Frédéric-César de La Harpe kannte den Botaniker Louis Vincent Tardent aus Vevey und beauftragte ihn Siedler anzuwerben. Am 13. August 1820 kam es zum ersten Treffen der Auswanderer.

Hier ihre Namen in der Reihenfolge, wie sie im Protokoll der Sitzung aufgeführt wurden: Guerry Lucien, Jean-Georges-Amel Testuz, Jacob-Samuel Chevalley, Francois-Louis Petit, Louis Vincent Tardent, Charles-Auguste Grandjean (Schwager von Louis Vincent Tardent).

Weintrauben

In dieser ersten Sitzung einigten sich die potenziellen Siedler eine Summe von 800 Franken bereitzustellen, um einen Delegierten vor Ort zu schicken. Der 35-jährige Louis Vincent Tardent reiste noch im selben Jahr (1820) ab. Begeistert von dem Ort, schrieb Tardent im Frühjahr 1821 an die Waadtländer. Er forderte sie auf, sich ihm so bald wie möglich anzuschließen, um im nächsten Frühjahr (1822) Weinreben und Kartoffeln anbauen zu können, damit kein Jahr verloren ging.

 

Einladungsmanifest
Katharinas Einladungsmanifest

Die Waadtländer Bürger erhielten die gleichen oder noch größere Privilegien als die deutschen Ansiedler in Bessarabien. So sollten sie außer den 60 Desjatinen (zirka 66 ha) Land pro Familie die Weinreben als Eigentum erhalten. Alle weiteren eingeräumten Privilegien aus dem Manifest von Katharina II. Aus dem Jahr 1763 und das von Alexander I. aus dem Jahr 1804 wurden bestätigt. Als Gegenleistung leisteten die Siedler folgenden Eid:

„Wir schwören Seiner Majestät, autokratischer Kaiser aller Russen, und der Gemeinde Achabag, deren Mitglieder wir sind, treu zu sein, allen Lasten standzuhalten, wenn wir dazu verpflichtet sind, treu in allen Geschäftsleitungen zu sein, um in der Gemeinde bleiben zu dürfen und das alles, um Nutzen und Vorteile zu erzielen.“

 

Am 21. Juli 1822 brach der erste Konvoi mit reformierten4 französisch sprechenden Schweizern aus dem Waadtland zu einer 2.500 kilometerlangen Fahrt durch Europa auf.

der Treck der Schweizer Kolonisten im Museum in Schabo
der Treck der Schweizer Kolonisten im Museum von Schabo

 

Unter ihnen waren:

  • der Anführer Louis Vincent Tardent, geb. am 14. Dezember 1787 in Ormont Dessus (Kanton Waadt), Botaniker, mit seiner Frau Susanne Henriette Uranie geb. Grandjean, geb. am 25. August 1789 in Buttes (Kanton Neuenburg) und 13 Kindern [Marc (15), Louis (12), Adrien, Charles (10), Philippe, Samuel (7), Jeanne-Marie, Louise (6), Marie, Françoise, Emma (4), Susanne, Antoinette (18 Monate)] im Alter von 15-1 Jahren
  • Charles-Auguste Grandjean (Großvater von Susanne Henriette Uranie) aus Buttes (Kanton Neuenburg)
  • Françoise Albertine Légeret, Magd der Familie Tardent, 16 Jahre alt
  • Jacob Samuel Chevalley geb. am 2. März 1777 in Rivaz (Kanton Waadt), Weinbauer, mit Frau Susanne-Marie geb. Légeret, geb. am 1. September 1785 in Rivaz und 6 Kinder (Henri, Juste, Siméon, Louise, Susanne, Louis)
  • der Apotheker Henry Berguer aus Avenches (Kanton Waadt) und
  • Jean-Louis Guerry aus La Tour-de-Peilz, Knecht des Louis Vincent Tardent (beide verheiratet, fuhren aber ohne Frauen ab)
  • François Noir aus Lausanne (Kanton Waadt), Geselle, 16 Jahre alt
  • Georges Testuz geb. am 29. März 1776 in Rivaz (Kanton Waadt)
  • Heinrich Zwicky (auch: Zwicki, Zwiki), Kammerdiener bei Louis Tardent in Vevey, geb. am 9. Februar 1794 in Obstalden (Kanton Glarus).
Susanne Henriette Uranie Tardent geb. Grandjean
Uranie Tardent geb. Grandjean

Susanne Henriette Uranie Tardent geb. Grandjean, Frau des Treckanführers Louis Vincent Tardent, beschreibt in ihrem Tagebuch die Reise von Vevey im Kanton Waadt bis nach Schabo in Bessarabien.

Aus diesem Tagebuch geht hervor, dass der Treck am Tag 25-50 km zurücklegte und durch Städte, wie Moudon, Avenches, Murten, Bern, Lenzburg, Baden, Zürich und St. Gallen in der Schweiz, St. Johannes bei Höchst, Bregenz und Gmünd bei Bregenz in Österreich, Kempten, Kaufbeuren und München in Deutschland, Braunau, Wels, Melk und Wien in Österreich, Brünn in Mähren, Wieliczka, Lemberg und Czernowitz in Polen, Nowoselyzja, Chişinău, die Hauptstadt Bessarabiens, Akkerman und Schabo.

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der Auswanderungsweg der Schweizer aus dem Kanton Waadt

der Auswanderungsweg der Schweizer aus dem Kanton Waadt

 

Nach drei Monaten erreichte der Treck endlich sein Ziel und 6 erschöpfte Pferde starben kurz nach der Ankunft.

 

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1 Liman = Einbuchtungen - typisch für die Schwarzmeerküste; der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet Meeresbuchten, die aus versunkenen Flussmündungen entstanden sind.

2 Kurgan = großer, aus Erde und/oder Steinen aufgeschütteter kegelförmiger Grabhügel, der oft weithin sichtbar ist. Oft bildet er eine Kette von 5 bis 10 Kilometer Länge. Man findet ihn vorwiegend auf der höchsten Erhebung in den Steppengebieten.
In der Eisenzeit (1. Jahrtausend v. Chr.) wurden Kurgane vor allem von Skythen und Sarmaten auch im Schwarzmeergebiet errichtet. In den unterirdischen Grabkammern beerdigten die Skythen ihre kostbar geschmückten Fürsten und Heerführer mitsamt deren Frauen und Konkubinen, Leibdienern und geopferten Pferden. Ausgestattet mit ihren besten Waffen, prunkvollen Kleidern, Gerätschaften und mit Wein gefüllten Amphoren sollten die Verstorbenen auch im Jenseits die Annehmlichkeiten ihres Herrscherdaseins genießen können.
Für eine Anlage eines Kurgans mit einem Volumen von 75 000 m3 benötigte man immerhin eine 75 000 ha große Grasfläche.

3 Akkerman = die 600 v. Chr. von den ionischen Griechen gegründete Stadt Tyras gehört zu den ältesten Städten der Welt; die Phönizer nannten sie Ophiussa, die Griechen Makaphon und ab 400 vor Chr. wurde sie Tyras (nach dem gleichnamigen Fluss) genannt. In römischer Zeit hieß die Stadt Alba Julia; die slawischen Stämme nannten sie Belgorod (weiße Stadt), seit dem 10. Jahrhundert sind die Namen Maurocastro und Aspocastro bekannt; die Kumanen bezeichneten die Stadt im 12. Jahrhundert als Barmunia und Ak-Libo; Ende des 13. Jahrhunderts bekam sie den Namen moncastro oder Malvocastro. Unter den moldauischen Fürsten gehörte die Stadt, jetzt Cetatea Albă (weiße Zitadelle) genannt, zu einem Verteidigungsgürtel gegen die Mongoleneinfälle. Nach der Eroberung 1484 durch türkische Heere hieß sie Akkerman (aq = weiß und kerman = Stadt). Nach dem Anschluss Bessarabiens an Rumänien (1918) erhielt die Stadt wieder ihren moldauische Namen Cetatea Albă. Heute heißt sie Bolgorod Dnjestrowski.

4 reformierte Kirche (oft auch: evangelisch-reformierte Kirche): auf die Reformation Ulrich Zwinglis und Johannes Calvins (Calvinismus) zurückgehende Kirchengemeinschaften, die hauptsächlich in der Schweiz, in Schottland, in einigen Teilen Deutschlands, in Frankreich, in Ungarn und den USA (Presbyterianer) verbreitet ist.

 

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